Foto: Jutta Lehmeyer

Fahrsport für Menschen mit Behinderungen


Fahren – wenn Reiten nicht (mehr) möglich ist, mit Hilfsmitteln fahren – wenn es ohne nicht (mehr) geht, all das ist möglich, wenn Erkrankungen oder Behinderungen „besondere“ Lösungen erfordern, wenn Pferdenarren trotz gesundheitlicher Probleme nicht auf ihre Pferde verzichten wollen, wenn man trotzdem oder gerade deswegen Fahren will.


Umsteiger und Neueinsteiger


Gerade der Fahrsport für Menschen mit Behinderungen bietet unzählige Möglichkeiten
- für Menschen, die das Fahren als Turniersport ausüben, aber aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer Behinderung entweder mit nur geringem Erfolg Turniere bestreiten oder den Sport wegen ihrer nachlassenden Fähigkeiten aufgeben wollen oder bereits aufgegeben haben.
- für Menschen, die gerne einen Pferdesport betreiben wollen, aber nicht oder nicht mehr reiten können. Fahren kann man mit zum Teil erheblich geringeren körperlichen Restfähigkeiten und mit Behinderungen, bei denen das Reiten völlig unmöglich ist.
Diesen Menschen eröffnet das Fahren eine unglaubliche Selbstständigkeit, die Möglichkeit das eigene Pferd zu behalten, zum Fahrpferd umschulen zu lassen und wieder im Pferdesport und auch dem Turniersport aktiv zu werden.
Gewusst wie, heißt hier der wichtigste Grundsatz, denn ohne ein paar Voraussetzungen, die man sich schaffen muss, geht es nicht.


Der Sportgesundheits-Pass


Grundlage für den Fahrsport für Menschen mit Behinderungen ist der Sportgesundgesundheitspass.
Wichtig ist, dass die jeweilige Behinderung Einschränkungen für das Fahren eines Gespanns mit sich bringt. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig einen Schwerbehindertenausweis o.ä. zu haben.
Bei einem persönlichen Termin mit dem Klassifizierer wird die Sportfähigkeit des Fahrers mit Behinderung festgestellt, außerdem wie und in welchem Maße er beim Fahren durch seine Behinderungen eingeschränkt ist. Daraus ergibt sich das Profil der Behinderung, das entsprechende Grade (bei den Fahrern Grade I = schwerer behindert oder Grade II = leichter behindert oder Grad III – benötigt Hilfsmittel) und die Hilfsmittel, die verwendet werden dürfen, um das Fahren möglich zu machen und die Behinderung gegenüber dem nichtbehinderten Fahrer auszugleichen. Alles wird in den Sportgesundheits-Pass eingetragen.
International gibt es die FEI ID-card, die für die Teilnahme an Weltmeisterschaften notwendig ist. Hier bestätigen oder ergänzen zwei Klassifizierer aus unterschiedlichen Nationen die Eintragungen aus dem nationalen Pass. 


Die Hilfsmittel


Ebenso wichtig wie der Sportgesundheitspass sind die kompensatorischen Hilfsmittel, die jeder einzelne Fahrer, individuell angepasst, benötigt. Während die erfahrenen Fahrer schon wissen, was ihnen das Fahren erleichtern wird, benötigen die Neueinsteiger Beratung. Hier hilft die IG Fahren für Menschen mit Behinderung gerne weiter und vermittelt Kontakte.
Es gibt die unterschiedlichsten Hilfsmittel, die bereits eine Genehmigung erhalten haben und offiziell eingesetzt werden dürfen.
- besondere Leinen z.B. mit Stegen oder Schlaufen, bei Problemen mit der Leinenhaltung oder verminderter Kraft in den Händen
- Umbauten an den Kutschen: umgebaute Bremsen, Bremskraftverstärker, Aufstiegshilfen, Sitze mit hohen Seiten oder Rückenlehnen oder einer besonderen Neigung, Schalensitze, große Podeste im Fußraum
- Hilfen durch den Beifahrer, der die Peitschenführung (bei verminderter Kraft in Händen oder Armen durch z.B. MS oder Muskelatrophie) oder das Bremsen übernimmt (bei teil- oder querschnittgelähmten Fahrern)
- der Verzicht auf Dinge, die im Regelsport gefordert werden, z.B. das Tragen von Handschuhen, Ziehen des Hutes beim Grüßen, etc. oder in einer Dressuraufgabe gefordert werden, z.B. das Fahren mit Leinen in einer Hand
- die Erlaubnis sonst verbotener Dinge, z.B. die motorisierte Parcours-Besichtigung bei gehbehinderten Fahrern oder eine Begleitperson bei der Besichtigung des Kegelparcours, die den Fahrer im Rolli schiebt
- kleinere Hilfsmittel – Klettbänder, die die Knie zusammen halten, kleine Podeste im Fußraum mit Schlaufen, in die man die Füße stellen kann, Fröschl auf den Leinen oder beschichtete Leinen, damit man diese besser greifen kann, das Verlängern der Leinen bis in den Zugriffsbereich des Beifahrers, damit dieser, sollte der Fahrer die Leinen verlieren, schnell zugreifen kann, usw.


Fahrausbildung und Turnierteilnahme


Wichtig: Mit dem Sportgesundheitspass und den darin stehenden Hilfsmitteln darf bereits die erste Prüfung zum Fahrabzeichen, also der „Führerschein“ für Gespannfahrer, gemacht werden. Für alle weiteren Prüfungen und Fahrabzeichen gilt der Sportgesundheitspass ebenfalls. Gleiches gilt für alle Fahrturniere im Regelsport und Parafahrsport. Sämtliche Hilfsmittel, die im Sportgesundheitspass aufgeführt sind, dürfen zum Ausgleich der Behinderung genutzt werden. Notwendig ist allerdings, dass eine Kopie des Sportgesundheitspass vor Prüfungsbeginn an der Meldestelle hinterlegt wird, dass die Richter vorab informiert werden. Unsere Empfehlung: ein persönliches Gespräch mit den jeweiligen Richtern.
Wichtig: Ausbilder, Prüfer, Veranstalter und Richter übernehmen kein unkalkulierbares Risiko, da bei der Klassifizierungsuntersuchung auch gleichzeitig die Sportfähigkeit überprüft und festgestellt wird. Zu schwer behinderte Anwärter erhalten keinen Pass und scheiden damit aus dem Turnier-Fahrsport aus.
Auch versicherungstechnisch, z.B. für Fahrten im Straßenverkehr oder auf Vereins- und Turnierplätzen, ist der Sportgesundheitspass wichtig!